Die Zeitwanderin

November. Wieder einmal. Alle Jahre wieder. Nicht überall ist es neblig und grau. Auf der anderen Hälfte des Planeten ist sogar Sommer. Was bedeutet der November für Dich? Ist er nur der Monat Deiner Geburt? Gibt es eventuell mehr, was Dich an dem oft kalten und grauen Wetter fasziniert?

 

Sinnierend, Deinen Gedanken hinterher hängend, nimmst Du einen großen Schluck Deines Lieblingsgetränks, kuschelst Dich auf Dein Sofa und steckst die Nase in Dein neues Buch.

 

Ist es die Geschichte, von der Du fasziniert bist? Ist es der Autor, von dem Du schon anderes gelesen hast? Der Prolog nimmt Dich heute noch nicht wirklich mit. Er ist etwas trocken - so trocken, dass Dir das Buch langsam auf die Knie sinkt und Deine Lider schwer werden.

 

„Hast Du schon das Wasser für die Suppe geholt? Nein? Nun, dann wird es aber Zeit, es wird schon hell! Heute werden Gäste erwartet, was das für uns heißt, weißt Du hoffentlich!“ Am frühen Morgen, gefühlt mitten in der Nacht, angeschrien zu werden, nein, das muss schnellstens ein Ende haben! So nicht! Nicht mit Ihr! Sie ist schließlich – genau, wer ist Sie eigentlich?

 

Solange man nicht selbst bestimmen kann und man hin und her geschubst wird - was sind da schon Namen? Gibt ein Name darüber Aufschluss wer man ist? Ist es nicht vielmehr so, dass man seinen Namen bekommt?

 

Der Hof ist kalt, grau und leer. Du siehst Dich um, friedliche Stille umgibt Dich. Du wünscht Dir, dass es immer so sein sollte - friedlich. Nicht mehr herum geschubst werden, nicht immer für alle da sein zu müssen. DU SELBST SEIN zu dürfen! Der Weg zum Brunnen führt am Tor vorbei. Du bemerkst, dass es geöffnet ist. Das ist die Gelegenheit. Du stellst den Kessel leise ab, und ohne darüber nach zu denken, beginnst Du zu laufen. Immer schneller, nur nicht umsehen ... WEITER!

 

Außer Atem erreichst Du den naheliegenden Wald. Zum Glück dämmert es bereits, so dass Du ihn trotz seiner Dichte schon stolperfrei durchqueren kannst. Du weißt, dass hinter dem Wald der Fluss fließt. DER Fluss, für Dich das Symbol für Freiheit und Unabhängigkeit. In seinem Bett mehr oder weniger still eingebunden, jedoch, wenn die Natur es so will, unbändig und ohne Unterlass ein neues findend oder auch reißend fließend dem Meer entgegen  strömend. An seinen Ufern Städte, voll von Träumen vieler, der Albtraum derer, die nie wirklich dort angekommen sind und die Realität aller Zugezogenen, die ihren Traum von Freiheit erfüllen konnten. Als Du das Flussufer erreichst, setzt Du dich zunächst unter eine Weide, um, trotz der Novemberkälte, durch zu atmen. Erstaunlicherweise fallen Dir, kaum dass Du sitzt, die Augen zu.

 

„Kimberley, Kimberley … wo bist Du?“ Die Rufe eines Mädchens dringen an Dein Ohr. Ein weißes Kaninchen hoppelt nur wenige Meter vor Dir vorbei, als ein kleines Mädchen fast über Deine Füße stolpert. Komisch, Sie scheint Dich gar nicht gesehen zu haben. „Kimberley, wo bist Du?“ Das Mädchen wird langsamer, geht auf die Knie und murmelt etwas wie: „Ach, dort hinein … na warte, ich folge Dir.“ Du siehst, wie sie rechts in einem Strauch verschwindet und Du fragst Dich, warum Dir diese Szene so bekannt vorkommt. „Komischer Traum“, denkst Du und versuchst einen Plan zu machen.

 

Offensichtlich hat Deine „Flucht“ geklappt. Alles ist ruhig, niemand scheint auf der Suche nach Dir zu sein. In der Gewissheit, dass Dein Tun richtig war, stehst Du auf und siehst Dich suchend nach einem Weg um. Es sieht so aus, als würde es am Ufer einen Spazierweg geben. Leichten Herzens, und in der Freude bald die große Stadt oder gar das Meer zu sehen, folgst Du dem Weg flussabwärts.

 

Es scheint als wärst Du allein auf der Welt. Abgesehen von dem Mädchen, dass Dich vorhin nicht bemerkt hat, hast Du niemanden gehört oder gesehen. Aber das macht nichts, im Moment gefällt es Dir so, wie es ist. Du bist mit Dir hier, bist nicht hungrig, nicht durstig, alles ist so, wie Du Dir es gewünscht hast.

 

„Heda, Ihr am Ufer, möchtet Ihr vielleicht mitfahren? Oder möchte die Dame sich allein weiter die Füße wund laufen, um in die Stadt zu gelangen?“ Erstaunt erblickst Du neben Dir einen Kahn sanft in Ufernähe entlang treiben.

 

„Oh, danke für das Angebot. Wenn Ihr in die Stadt fahrt, ich komme gerne mit.“ „Ein Stück voraus ist ein Anleger. Ihr könnt dann zusteigen. In der Zwischenzeit wird meine Frau Euch eine Suppe bereiten.“

 

Staunend über so viel Freundlichkeit läufst Du voraus. Nachdem Du Dich mit dem Flussschifferpaar bekannt gemacht hast, bekommst Du die versprochene Suppe. Nie hast Du eine so gute Suppe gegessen. Von Wohlgefühl umgeben, werden Deine Lider schwer. „Dort könnt Ihr Euch ein wenig ausruhen.“, bietet Dir die Dame „des Hauses“ an. Kuschelt Euch ruhig in die Ecke. Es sind genügend Decken vorhanden.“

 

Du mummelst Dich ein, und augenblicklich fallen Dir die Augen zu. Dein letzter bewusster Gedanke ist: „Warum reden sie eigentlich im Majestatis Pluralis mit mir, so als ob ich hochwohlge...(schnarch)...“. Mitten im Gedanken schläfst Du ein.

 

„Hey Du, aufgewacht – was hast Du hier zu suchen?“ Verwirrt öffnest Du die Augen. „Wo bin ich?“ fragst Du die Stimme. „Willst Du mich auf den Arm nehmen? Los geh jetzt,  sonst hole ich die Hunde!“ „Schon gut, ich bin ja schon weg.“

 

Um Dich herum hektisches Treiben. In der Ferne siehst Du eine Brücke. Kräne hoch wie Bäume. Menschen in feiner Kleidung zwischen den Arbeitern: „Extrablatt – Extrablatt“ wird neben Dir gerufen, und ein Junge drückt Dir im vorbeigehen ein Blatt Papier in die Hand. Komischerweise verstehst Du sofort, dass das eine Zeitung ist. Du entfaltest sie und liest: „Carter entdeckt komplett unversehrtes Goldgrab!“

 

„Das ist ja spannend“, denkst Du, „wie kann es sein, dass ich das Gefühl habe, dies alles zu kennen und mir das zuvor Erlebte auch nicht unbekannt war?“ Grübelnd lässt Du das geschäftige Treiben des Hafens hinter Dir und suchst Dir Deinen Weg durch die Menschenmenge. In der Ferne siehst Du eine  Anhöhe, es sieht nach einem Park aus. „Ich werde mir das hier mal von oben ansehen“, mit diesem Gedanken verlässt Du den Hafen und gehst auf die Anhöhe zu.

 

Niemals hättest Du geglaubt, dass so etwas möglich wäre. Soweit Dein Blick reicht, und Du hast sehr gute Augen, Häuser, Häuser, Häuser. Bis zum Horizont Häuser. Diesen Anblick musst Du erst einmal genießen. Vor wenigen Stunden bist Du den Küchenzwängen entflohen und jetzt dies. Überwältigend. „Kimberley, Kimberley…“ ein weißes Kaninchen rast an Dir vorbei, aus dem Gebüsch rechts von Dir kommt ein kleines Mädchen, stolpert fast über Deine Füße und rennt dem Kaninchen hinterher.


„Aua“, ein leichter Schmerz durchzieht Dein Bein, Du musst sehr komisch gesessen haben. Mühsam stehst Du auf und gehst zunächst etwas humpelnd weiter, wieder flussabwärts, in Richtung Ufer.

 

„Was für ein Tag“, denkst Du, als Du eine kleine Ortschaft erreichst. Ein Haus neben dem anderen. Wie hypnotisiert läufst Du durch die Straßen, es zieht Dich in eine bestimmte Richtung. „Oh, vor diesem Haus steht aber ein schöner Baum“ und Du bewunderst die Farbenpracht der noch vorhandenen Blätter. Staunend gehst Du zur Tür, greifst in Deine Tasche und holst einen Schlüssel heraus. Du bist zwar ziemlich verwirrt, aber wie selbstverständlich steckst Du den Schlüssel ins Schloss und öffnest die Tür. „Das ist ja ein Ding“, murmelst Du und gehst geradewegs in die Küche, um Dir einen Tee zu bereiten.

 

Sinnierend, Deinen Gedanken hinterher hängend, nimmst Du einen großen Schluck Deines Lieblingsgetränks, kuschelst Dich auf Dein Sofa und steckst die Nase in Dein neues Buch.

 

Du schreckst auf. „Boah, was war denn das für ein komischer Traum? Das war ja schräg! Aus dem Harz nach Greenwich und zurück nach Hamburg. So eine Traumreise habe ich ja noch nie erlebt.“

 

Du hast das Gefühl eine Stimme neben Dir zu hören.

 

„Meinst Du wirklich, dass das alles „nur“ ein Traum war? Gibt es mehr im Leben als uns die Realität zeigt?

 

An der Tür läutet es. „Good Morning Ms. Meichow“, vor Dir steht ein livrierter Herr in Uniform und Du siehst eine Limousine auf der Straße. „Please, excuse me for being late, but the traffic…“

Olaf Gramzow, 07.11.2018

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