Reinfühlen ist das neue Nachdenken

Als neulich jemand den Aufdruck: „Reinfühlen ist das neue Nachdenken“ auf unseren Shirts sah, kam folgende Reaktion: „Denken und Empfinden können wieder eins werden. Denk mal darüber nach und spür gleichzeitig in Dich rein.“

Das funktioniert so leider nicht. Denn „Reinfühlen“ meint die Stimme des Herzens, die innere Stimme, die innere Führung – unseren wahren Kompass um unseren Seelenweg zu gehen. Wenn Du auf Deine innere Stimme hörst, dann hat der Verstand schlichtweg totale Sendepause.

Es ist zwar richtig, dass unser Denken und unsere innere Stimme durchaus übereinstimmen können, aber eins werden geht nicht. Ist nicht möglich.

Woran liegt das?

Unser Verstand ist als ein reines Werkzeug konzipiert. Ein sehr nützliches zwar, aber ein Werkzeug. Die Aufgabe eines Werkzeugs ist es  Anweisungen auszuführen, die es zuvor bekommen hat. Im Falle unseres Menschseins, sollten die Anweisungen aus dem Herzen kommen und der Verstand war „gemacht“ um diese auszuführen.

Läuft in unserer Welt nicht so, sagst Du? Stimmt.

Was ist passiert?

Dank tausender Jahre andauernder Konditionierungen und Manipulationen wurde dieses Werkzeug zum Entscheider gemacht. Die innere Stimme wurde leiser „gedreht“ - bei vielen ist sie überhaupt nicht mehr hörbar - und es hieß irgendwann vor langer Zeit und heißt bei vielen auch heute noch, dass die richtigen und wichtigen Entscheidungen bitte nur aus dem Verstand kommen dürfen. Entscheidungen aus dem Gefühl heraus? Wie bitte? Das kann doch nicht dein Ernst sein!

Ich würde sagen: Gut gebrüllt Löwe, aber das ist leider ein fataler Irrtum.

Unser Verstand ist, wie gesagt, ein wunderbares und nützliches Werkzeug. Seine Arbeitsweise lässt allerdings zu wünschen übrig. Er nimmt die Erfahrungen aus der Gegenwart, projiziert sie in die Zukunft und bastelt daraus eine für sich logische Schlussfolgerung.

Du kennst sicher den Satz: Gebranntes Kind scheut das Feuer.

Jeder, der schon mal auf eine eingeschaltete Herdplatte gefasst hat, kann bestätigen, dass es sinnvoll ist, dies nicht ein zweites Mal zu tun. Wir hatten uns den Schmerz  nach der Ersterfahrung sehr genau gemerkt und deshalb wird zukünftig beim Anblick eingeschalteter Herdplatten bei den meisten Menschen wahrscheinlich die berühmte innere „Alarmglocke“ läuten.

Genauso funktioniert dieses Prinzip in allen anderen Bereichen des Lebens. Unser Verstand ist da nicht zimperlich und unterschieden wird schon mal gar nicht.

Nehmen wir mal an Du hast Dir von jemandem aus Deinem Freundeskreis Geld geliehen. Alles soweit gut und dieser jemand und Du ihr seid zu dem Zeitpunkt noch dicke Freunde. Beide freut Ihr Euch. Dein Freund, weil er Dir helfen konnte und Du, weil Du Deine Rechnung begleichen konntest. Also alles in bester Ordnung.

Jetzt kommt Zahltag. Du bist normalerweise die Zuverlässigkeit in Person und sowohl dein Freund als auch du selbst gehst davon aus, dass du ihm das Geld zum verabredeten Zeitpunkt zurückzahlen kannst – vielleicht sogar schon eher.

Nun macht aber dein Auto schlapp, ohne das du nicht zur Arbeit kommst und schon sieht die Welt anders aus. Mr. oder Mrs. Super-Zuverlässig ist schlagartig in einen Konflikt gerutscht und in Anbetracht der Tatsache, dass Du wirklich nicht anders zur Arbeit kommst, wird Dein Freund dicke Backen machen und auf sein Geld noch warten müssen.

Was lernt er (und damit ist ausschließlich sein Verstand gemeint) daraus?

Genau. Man kann sich heutzutage wirklich auf niemanden mehr verlassen. Gebranntes Kind scheut das Feuer und in Zukunft verleiht er kein Geld mehr, basta, denn – und da kommt die nächste grandiose Volksweisheit  : Bei Geld hört bekanntlich die Freundschaft auf.

Bingo. Deine Freundschaft mit diesem Menschen dürfte höchstwahrscheinlich getrübt, wenn nicht sogar vorbei sein und dein Ruf als Mr./Mrs. Zuverlässig ist dazu auch noch ruiniert. Und warum das alles? Weil hier Verstand und Ego am Werk waren und nicht das Herz.

Das Herz Deines Freundes hätte bei Befragung wahrscheinlich gesagt: „Schenk ihm/ihr das Geld doch einfach“ oder „Ach, ist doch nicht schlimm, dann warte ich halt noch ein  wenig.“

Solltest du so ein Herzmensch sein, dann fühlst du dich jetzt nicht angesprochen. Du hättest deinem Freund das Geld tatsächlich geschenkt oder noch Aufschub gewährt. Solltest Du aber zu denjenigen gehören, bei denen ihr Verstand die absolute Macht hat, dann wirst Du Dich in meinem Beispiel sicherlich wiederfinden.

Das ist in keinster Weise wertend oder verurteilend gemeint. Die Emotion, die hinter der beschriebenen Verhaltensweise steht, heißt Angst.

Liebe lässt frei – Angst hält fest.

Angst ist eine Emotion, die der Gedanke auslöst, das Geld nicht zurückzubekommen. Warum auch immer. Die Gründe, die dahinter stehen, sind individuell und sehr unterschiedlich. Jedenfalls wird diese Erfahrung als negativ abgespeichert und in die Zukunft transportiert. Der nächste, der sich Geld leihen möchte, beißt bei Deinem Freund auf Granit und Du hast möglicherweise ein so schlechtes Gewissen, dass Du lieber 20 km zu Fuß zur Arbeit gehen würdest als noch jemals einen Freund um Hilfe zu bitten.

Jetzt kommen wir zum Anfang zurück. Es gibt also Emotionen, die der Verstand auslöst und es gibt Gefühle, die direkt aus dem Herzen kommen.

Die Emotionen aus dem Verstand heraus heißen meistens Angst, Wut, Trauer, Ärger, Verzweiflung, Eifersucht, Scham, Schuld, etc.

Gefühle des Herzens hingegen heißen Liebe, Freude, Glück, Zufriedenheit, Mitgefühl, Dankbarkeit, Vertrauen, usw.

Fühlst Du auch die unterschiedliche Schwingung der Worte?

Zur Erinnerung: Der Einleitungssatz war: „Denken und Empfinden können wieder eins werden”.

Wenn der Verstand denkt, dann löst er (negativ) Empfindungen aus, und somit ist da bereits eine Einheit und ist nicht getrennt.

Wenn das Empfinden aus dem Herzen heraus kommt (und das ist ausschließlich wohltuend),  dann ist der Verstand aus dem Spiel. Herz und Verstand sind Spieler zweier unterschiedlicher Seiten und können deshalb niemals „eins“ werden.

Sobald sich der Verstand endlich wieder auf seinem angedachten Platz befindet, sprich dem eines Werkzeugs und das Herz seine natürliche Führungsrolle wieder übernimmt, dann sind wir im Einklang mit unserer Seele. Selbst, wenn unser Verstand dann hin und wieder „aufmuckt“, werden wir den damit ausgelösten Empfindungen mit Liebe begegnen und entsprechend handeln.
 

Claudia Schidor, 12.09.2018

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